Ein Band der Ethik‑Pentalogie
Die logische Struktur von «Ethik in Resonanz» durchzieht wie ein klar gezogener Meridian das Werk: Die 16 Tetragramme formen ein präzises Raster, das dem Denken Halt gibt und gleichzeitig die Bewegung zulässt. Die Übereinstimmung zwischen Logik und Selbstwerten wirkt in sich geschlossen und zwingend – und doch flackert an den Rändern ein kreatives Moment: Die Logik öffnet sich in Richtung eines Ethikbegriffs, der nicht deduziert, sondern emergiert.
Die innere Architektur besticht durch Konsistenz und lädt zugleich zu Zweifeln ein: Ist eine logische Matrix ausreichend, um das Ethische zu tragen? Oder ist der Anspruch selbst ein Schritt über die Logik hinaus? Dieses Oszillieren macht das Werk zum Denkraum.
Ethisch entfaltet das Buch eine radikale Geste: Es verzichtet auf Moral und erzeugt Orientierung aus Resonanz. Die Selbstwerte wirken wie innere Orientierungsmuster, in denen Verantwortung nicht vorgeschrieben, sondern erfahren wird. Der Ansatz, Ethik nicht als Normsystem, sondern als Selbstbeziehungsfeld zu begreifen, verschiebt das Gewicht vom Sollen zum Ermöglichen.
Diese Verschiebung fordert, irritiert, weckt. Sie entzieht dem Leser die gewohnte moralische Stütze – und genau darin liegt der ethische Mut. Der Text stellt die Frage: Wie entsteht Verantwortung in einer Welt, die sich nicht mehr auf äußere Autoritäten verlassen kann? Die Antwort stellt kein Dogma dar, sondern eine Bewegung.
Ästhetisch gleicht das Werk einem atmenden Netz. Zwischen den logischen Tabellen öffnen sich poetische Zwischenräume, die nicht dekorieren, sondern strukturieren. Der Stil ist klar, doch nie kalt; analytisch, doch durchzogen von leisen Schwingungen. Die Bilder des Yijing wirken wie Wasserzeichen im Text – kaum sichtbar, aber tragend.
Es entsteht der Eindruck, einer Ethik zuzusehen, die gerade spricht, während sie sich formt. Diese Ästhetik des Werdens, des Übergangs, hält den Leser wach: nichts ist abgeschlossen, nichts endgültig. Die Form selbst wird zur Ethik.
Philosophisch bewegt sich das Werk an der Grenze zwischen Struktur und Ereignis. Die Nähe zu Phänomenologie, Systemtheorie und dialogischer Ethik ist spürbar, doch der Text unterschreibt nichts davon vollständig. Er lehnt metaphysische Fundierung ab und vertraut stattdessen auf emergente Sinnbildung.
Damit fordert er einen philosophischen Mut, der nicht auf die Letztbegründung zielt, sondern auf die Fähigkeit, in Ambivalenzen zu stehen. Die Resonanzbegriffe öffnen ein Feld, in dem Ethik als Beziehungsgeschehen verstanden wird: nicht als Prinzip, sondern als Schwingung. So wird «Ethik in Resonanz» zu einer Stimme innerhalb der großen Debatte: Was bleibt vom Ethischen, wenn wir die Norm subtrahieren? Das Buch antwortet darauf nicht laut, und gerade deshalb tief.
erscheint 2026